Freihändig malen oder doch lieber abpausen?
Viele Einsteiger fragen sich, ob Abpausen beim Zeichnen erlaubt ist. Die Antwort ist differenzierter als ein einfaches Ja oder Nein.
3 min Lesezeit
Hey,
eine Frage begegnet mir immer wieder: Sollte man freihändig zeichnen oder darf man Vorlagen abpausen?
Gerade bei ersten Übungen sehe ich oft, dass Skizzen möglichst exakt freihändig nachgezeichnet werden, während Hilfslinien und Grundformen eher grob geschätzt werden. Mir ging es in meinen ersten Zeichenjahren ähnlich. Mit zunehmender Übung fällt freihändiges Zeichnen deutlich leichter, trotzdem lerne ich auch heute noch ständig dazu.
Traditionell malen vs. digital malen
Wer vom klassischen Zeichnen auf digitales Arbeiten wechselt, stellt häufig fest, dass sich die Ergebnisse zunächst anders anfühlen.
Das liegt unter anderem an:
- der Eingewöhnung an Grafiktablets
- dem verwendeten Zeichenprogramm
- unterschiedlichen Pinseln und Werkzeugeinstellungen
- dem fehlenden Gefühl von Papier und traditionellen Materialien
Während traditionelle Künstler zwischen verschiedenen Bleistiften, Pinseln oder Papieren wählen, müssen digitale Künstler ihre Werkzeuge zunächst konfigurieren. Die richtige Kombination aus Software und Pinseln hat einen enormen Einfluss auf das Ergebnis.
Der größte Vorteil digitaler Kunst liegt jedoch an anderer Stelle:
- unbegrenztes Rückgängig machen
- Arbeiten mit Ebenen
- einfache Korrekturen
- flexible Verwendung von Referenzen
Gerade diese Möglichkeiten machen es einfacher, neue Techniken auszuprobieren und aus Fehlern zu lernen.
Abpausen muss nicht automatisch falsch sein
Das Thema Abpausen wird in der Kunstszene oft kontrovers diskutiert.
Problematisch wird es vor allem dann, wenn ein Foto nahezu Pixel für Pixel kopiert wird. Das kann zwar eine gute Übung sein, führt aber selten zu einer eigenständigen Arbeit.
Für Lernzwecke kann das genaue Nachzeichnen durchaus hilfreich sein. Es schult das Auge für Proportionen, Formen und Details. Als Portfolioarbeit sollte das Ergebnis jedoch deutlich mehr sein als eine einfache Kopie der Vorlage.
Wann ist Abpausen in Ordnung?
Meiner Meinung nach dann, wenn die Referenz lediglich als Unterstützung dient und nicht das fertige Ergebnis vorgibt.
Eine Zeichnung sollte sich sichtbar von der Vorlage unterscheiden.
Besonders bei Pferden oder anderen Tieren bietet es sich an:
- Posen leicht zu verändern
- Details neu zu interpretieren
- Licht und Schatten anzupassen
- eigene Farbstimmungen einzubauen
- verschiedene Referenzen miteinander zu kombinieren
Das Ziel sollte immer sein, etwas Eigenes zu erschaffen und nicht lediglich ein Foto nachzubilden.
Arbeite mit mehreren Referenzen
Eine einfache Methode, um unabhängiger von einzelnen Vorlagen zu werden, besteht darin, mehrere Referenzen gleichzeitig zu verwenden.
Ich empfehle häufig, mindestens fünf verschiedene Bilder als Grundlage zu sammeln. Anschließend lassen sich einzelne Elemente miteinander kombinieren:
- Körperhaltung aus Referenz A
- Kopfhaltung aus Referenz B
- Lichtstimmung aus Referenz C
- Fellstruktur aus Referenz D
- Hintergrundideen aus Referenz E
Dadurch entsteht automatisch eine individuellere Zeichnung, die sich von jeder einzelnen Vorlage unterscheidet.
Fazit
Freihändiges Zeichnen ist eine wertvolle Fähigkeit, die mit der Zeit immer besser wird. Referenzen oder teilweise abgepauste Grundformen sind jedoch kein Betrug, sondern können sinnvolle Lernwerkzeuge sein.
Entscheidend ist, wie die Vorlage eingesetzt wird. Wer Referenzen nutzt, um Formen zu verstehen, eigene Ideen zu entwickeln und mehrere Quellen miteinander kombiniert, lernt oft schneller als jemand, der komplett auf Hilfsmittel verzichtet.
Am Ende zählt nicht, ob eine Hilfslinie abgepaust wurde, sondern ob daraus eine eigenständige Arbeit entsteht.
Jackie